nachfolgend möchte ich Euch aus meiner Uhren-Sammlung 4 Meilensteine der Uhrentechnologie aus den siebziger Jahren von Omega vorstellen:

Hoffentlich seid Ihr jetzt nicht enttäuscht oder gar entsetzt, denn es handelt sich allesamt um elektronische Uhren, die ja heute bei den meisten Uhren-Fans verpönt sind. Es sollte aber berücksichtigt werden, daß die gezeigten Uhren in den siebziger Jahren technologische Meilensteine waren, die mit der heutigen elektronischen Massenware meist nur die Verwendung einer Batterie gemeinsam haben und durchaus ihren Platz in der Uhrengeschichte verdienen.
Für Interessierte daher ein kleiner Ausflug in die Anfänge der Armbanduhrenelektronik:
Die erste Quartzuhr, Electroquartz f 8192 Hz, Kaliber 1301 (Beta 21):

Das in der Electroquartz verwendetet Kaliber Beta 21 war das erste serienreife Quartzwerk für Armbanduhren. Es wurde Ende der 60er Jahre in einer Arbeitsgemeinschaft (Centre Electronique Horloger, C.E.H.) entwickelt, in der sich mehrere schweizerische Uhrenfirmen zusammengeschlossen hatten. So ist das Beta 21 nicht nur bei Omega, sondern z.B. auch bei Rolex, Patek Philippe, IWC, Jaeger etc. zu finden. Das Kaliber war ein technologisches Meisterwerk, aber ein kommerzielles Desaster.
Der Quartz des Beta 21 schwingt mit einer Frequenz von nur 2 hoch 13 = 8192 Hz (heutzutage üblich: 2 hoch 15 = 32768 Hz). Aufgrund des hohen Stromverbrauches der damaligen Schaltungen sind allerdings nicht 13 sondern nur 5 elektronische Teilerstufen auf 256 Hz möglich gewesen, um eine Batterielebensdauer von ca. 12 Monaten zu erzielen. Es wird daher aufgrund der fehlenden restlichen 8 Teilerstufen ein Schwingmotor mit einer Frequenz von 256 Hz verwendet, der dann über ein Zahnrad mit 256 Teilungen und ein Klinkensystem das Räderwerk antreibt. Aus diesem Grund läuft der Sekundenzeiger kontinuierlich und das Werk summt mit einer Frequenz von 256 Hz, obwohl die Uhr über ein Quartzwerk verfügt. Vielleicht wird daher oft behauptet das Werk sei ein Stimmgabelkaliber, was aber definitiv nicht der Fall ist. Sehr ungewöhnlich ist auch die Datumschnellverstellung: Die Krone muß mit dem Daumen hereingedrückt werden und dann bei gedrückter (!) Krone vorwärts und rückwärts gedreht werden. Das Datum wechselt dann ohne Beeinflußung der Zeitanzeige.
Die erste vollelektronische Uhr, Time Computer II, Kaliber 1601 (Hamilton 102):

Der Time Computer wurde 1972 von Omega als erste vollelektronische Uhr („ohne bewegliche Werkteile“) vorgestellt. Bei der hier gezeigten Version handelt es sich um den weiterentwickelten Time Computer II, der über eine zusätzliche Datumsanzeige mit Tag und Monat verfügt.
Die damals übliche LED-Anzeige (die LCD-Anzeige war noch in der Entwicklung) kann aufgrund des immensen Stromverbrauches nur auf Knopfdruck abgelesen werden, wobei die Anzeigenhelligkeit in Abhängigkeit von den Lichtverhältnissen über eine kleine Fotozelle gesteuert wird. Die Zahlen der Anzeige setzen sich aus vielen, kleinen Leuchdioden zusammen (siehe nachfolgendes Bild) und nicht aus den erst später entwickelten LED-Anzeigen mit sieben Segmenten.

Erwähnenswert ist auch die spezielle Konstruktion der Drücker, die keine direkte Verbindung zu dem Werk aufweisen. Hierdurch konnten durchgehende Drückerbohrungen in das Innere des Gehäuses und die damit verbundenen Abdichtungen völlig vermieden werden. Die Drücker verfügen an ihrem inneren Ende über kleine Magnete, die bei Drückerbetätigung durch das geschlossene Gehäuse hindurch im Werk sogenannte Reed-Kontakte (diese wirken wie ein Schalter, der durch die Einwirkung eines Magneten geschlossen wird) berührungslos betätigen. Auch die Einstellung der Uhr erfolgt über einen kleinen Magneten, der in spezielle Aussparungen am Gehäusedeckel gehalten werden muß, wodurch dann im Inneren wiederum berührungslos Reed-Kontakte betätigt werden. Der Stellmagnet kann in einem kleinen Fach im Armbandverschluß aufbewahrt werden. Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß der Ursprung der Technologie des Time Computers nicht von Omega, sondern von Hamilton („Pulsar“) stammte.
Der erste (und einzige) Chronograph mit Stimmgabelwerk, Speedsonic f 300 Hz, Kaliber 1255 (ESA 9210):

Bei dem Kaliber 1255 handelt es sich um ein Modulkaliber (ESA 9210), wobei das Basiskaliber ein nach Bulova-Lizenz (Accutron) gebautes Stimmgabelwerk ist, auf das ein Chronomodul aufgesetzt wurde. Die Stimmgabel schwingt mit einer Frequenz von 300 Hz, Sekundenzeiger und Stoppzeiger laufen kontinuierlich ohne sichtbare Zwischenschritte und die Uhr summt mit 300 Hz. Die Schwingungen der Stimmgabel werden über ein Klinkensystem und ein Zahnrad mit 300 Teilungen auf das Räderwerk übertragen. Um das Stimmgabelwerk durch die Datumsschaltung nicht zu sehr zu belasten, wurde die Übersetzung der „schleichenden“ Datumsschaltung wesentlich vergrößert, daher beginnt der Prozeß der Weiterschaltung bereits um 21.30 Uhr. Der Sekundenstopp wird im Gegensatz zu den Bulova Accutrons bei der Speedsonic durch eine Unterbrechung der Stromzufuhr bei gezogener Krone realisiert, bei den Bulovas wird die Stimmgabel bei unveränderter Stromzufuhr mechanisch blockiert.
Das Kaliber wurde übrigens auch in den Chronographen anderer Hersteller verwendet, so beispielsweise bei Longines unter dem Namen „Ultronic“ und bei Certina unter dem Namen „C-tronic“.
Die erste Uhr mit kombinierter Analog- und Digitalanzeige, Chrono-Quartz, Kaliber 1611:

Der Chrono-Quartz wurde 1976 anläßlich der Olympiade in Montreal auf den Markt gebracht, daher ist auf dem Gehäusedeckel neben dem Sea-„Monster“ auch das Wappen der 76er Olympiade zu sehen. Das Kaliber 1611 („Albatros“) wurde nur bei Omega im Chrono-Quartz eingesetzt und weist einige Besonderheiten auf. So kann der Stundenzeiger unabhängig von dem Minutenzeiger in Stundenschritten gestellt werden, der Minutenzeiger hingegen wird über einen Drücker in der Krone verstellt. Um die Batterielebensdauer zu verlängern, kann die obere LCD-Anzeige bei Nichtgebrauch der Stoppuhr stillgelegt werden, auf der unteren LCD-Anzeige läuft dann eine permanente Sekundenanzeige, die allerdings nicht automatisch mit der Analoguhr synchronisiert ist. Die LCD-Anzeige zeigt bei Stoppuhrbetrieb permanent Minuten (oben) und Sekunden (unten) an, kann aber kurzzeitig auf Stunden und 1/100 s umgeschaltet werden.
Übrigens habe ich mir damals als Schüler wegen dieser Uhr an so mancher Schaufensterscheibe die Nase plattgedrückt, aber der Chrono-Quartz kostete 1976 mehr als das Doppelte einer Speedmaster Professional mit Handaufzug und war unerreichbar.
Viele Grüße
Matthias



